Desensibilisierung bei einer Angststörung

Wenn man an einer psychischen Erkrankung, wie beispielsweise einer Angststörung oder einem Burnout-Syndrom leidet, ist die extreme Sensibilität der Betroffenen ein großes Problem.

Sensibilität bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch soviel wie Feinfühligkeit/Empfindlichkeit, in der Neurophysiologie meint es das Fühlen an sich. In diesem Artikel benutzen wir den Begriff im Sinne von Feinfühligkeit/Empfindlichkeit.

Sensibilität – positiv oder negativ?

Ist es jetzt positiv, wenn man sensibel ist oder eher hinderlich? Nun, auf der einen Seite sind sensible Menschen eher in der Lage, sich in andere einzufühlen, sind offener für bestimmte Schwingungen innerhalb einer Kommunikation und nehmen einfach mehr wahr.

Diese Fähigkeiten können sicherlich allerhand Vorteile mit sich bringen. Auf der anderen Seite kann einem eine übermäßige Sensibilität auch zu schaffen machen. Man spricht hier auch von Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit.

Veränderungen machen Angst

Ich habe lange selbst an einer Mischung aus Panikstörung, Hypochondrie und Agoraphobie gelitten. Zudem plagte mich eine generalisierte Angststörung. Vor allem in dieser Phase war ich hypersensibel.

Ich nahm jede Veränderung sofort wahr. Dabei spielte es keine Rolle, ob es äußere Reize waren oder innerliche (körperliche) Veränderungen – sobald etwas irgendwie anders war, erschreckte ich mich, bekam erst einmal Angst, verspannte und verkrampfte mich.

Wie erkläre ich mir das? Angst geht immer auch mit erhöhter Aufmerksamkeit einher (siehe Wikipedia). Wenn die Angst im Grunde immer mit dabei ist, sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Das macht ja auch Sinn, wenn man sich noch einmal klarmacht, dass die körperlichen Reaktionen auf die Angst sinnvoll sind, wenn man sich in einer wirklich gefährlichen Situation befindet.

Da Angstzustände und Panikattacken jedoch nicht in tatsächlich gefährlichen Situationen auftreten, ist das Ganze doch eher hinderlich und nicht mehr als sinnvoll zu bezeichnen.

Viele Menschen mit einer Angststörung berichten von extremer Gereiztheit. Menschen, die sich im Zug lautstark unterhalten, nerven plötzlich enorm. Dabei sind es vor allem plötzlich auftretende Veränderungen, die als störend und beängstigend empfunden werden.

Oft sind dabei verschiedene Sinneswahrnehmungen betroffen: Veränderung der Lautstärke (hören), schnelle Gegenstände im Sichtfeld wie z.B. das Vorbeifliegen der Landschaft oder anderer Autos beim Autofahren(sehen), plötzlich auftretende Gerüche (riechen). Schmecken und Tasten können ebenfalls betroffen sein.

Vor allem, wenn man an Hypochondrie leidet, ist man auf die eigenen körperlichen Veränderungen fixiert. Man bemerkt jedes Blubbern, jedes Kribbeln, jede Rhytmusänderung des Herzschlags. Menschen, die da weniger sensibel sind, bemerken so etwas oft gar nicht. Auch bei Panikattacken spielt die gesteigerte Wahrnehmung körperlicher Veränderungen eine große Rolle.

Neben der gesteigerten Wahrnehmung plötzlich auftretender Veränderungen ist eine weitere Zutat entscheidend, um Angstzustände und Panikattacken auszulösen: Die Interpretation dieser Veränderungen als etwas Gefährliches. Neigt man nur zu dieser Hypersensibilität wäre das schließlich kein großes Problem, wenn man nicht mit Angst darauf reagieren würde.

Ein plötzlich auftretendes lautes Geräusch, oder ein Geruch, eine plötzlich auftretende körperliche Veränderung ist ja allein für sich erst einmal kein Grund zur Beunruhigung. Wenn man an einer Angststörung leidet, erschreckt man jedoch oft sofort, verspannt und versteift sich und denkt „Mist, was ist denn das?“ Man reagiert mit Angst.

Um noch einmal auf die Frage zurück zu kommen, ob Sensibilität gut oder schlecht ist – Sensibilität ist durchaus etwas Positives, Hypersensibilität ist zuviel des Guten.
Eine Überempfindlichkeit, eine Hypersensibilität gepaart mit dieser Interpreation als etwas Gefährliches ist meiner Meinung nach extrem hinderlich. Auf der einen Seite sollte man einen Weg finden, wie man mit mehr Gelassenheit reagieren kann, aber hier geht es um Desensibilierung.

Desensibilisierung der Betroffenen

Wenn Du Heuschnupfen hast, kennst Du vielleicht die Desensibilisierung aus diesem Zusammenhang. Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem auf eigentlich harmlose Stoffe (in diesem Fall auf Pollen) mit einer Abwehrreaktion. Diese Reaktion verursacht die Beschwerden, nicht die Pollen an sich.

Bei einer Angststörung verhält es sich doch im Grunde genauso. Plötzliche Veränderungen sind erst einmal nichts Gefährliches, sie sind halt da, vollkommen wertfrei. Unsere Reaktion darauf ist es, die zu Problemen führt.

Bei Heuschnupfen hat es sich bewährt, den Allergiker regelmäßig mit dem zu konfrontieren, wogegen er überempfindlich ist. Man bekommt die allergieauslösende Substanz in regelmäßigen Abständen verabreicht.

Kann man das nicht auch auf die Angststörung übertragen? Ich denke schon! Wenn man sich den Reizen, auf die man mit Angst reagiert, immer wieder gezielt aussetzt, gewöhnt man sich mit der Zeit wieder daran. Leider neigen wir dazu, angstmachende Situationen eher zu vermeiden. Wir sollten jedoch unbedingt einen Weg finden, uns diesbezüglich zu überwinden.

Gehe doch einmal in einen Vergnügungspark. Der perfekte Ort zur Desensibilisierung. Viele Menschen, zahlreiche Gerüche, teils ein enormer Lautstärkepegel…

Wie wäre es mit einer Achterbahnfahrt? Es rappelt laut, hohe Geschwindigkeit, vielleicht sogar Loopings. Oder einer Fahrt in einer Geisterbahn?

Der Vergnügungspark ist der absolute Horror für jeden unter Agoraphobie leidenden Menschen und ich muss zugeben, dass dies schon eher einer Schocktherapie gleicht, als einer Desensibilisierung. Wenn Du es Dir zutraust, probiere es doch einmal aus.

Langsam anfangen und dann steigern

Bei der Desensibilisierung sind eher kleinere Dosierungen gefragt. Setze Dich also ganz gezielt bestimmten Reizen aus. Dafür muss man nicht viel mehr tun, als aktiv am Leben teilzunehmen, was für an einer Angststörung leidenden Menschen bereits eine enorme Herausforderung sein kann.

Noch ein Beispiel: Wenn Du an einer Herzneurose leidest – fange langsam an, Ausdauersport zu treiben und steigere Dich langsam. Dabei machen sich unweigerlich körperliche Veränderungen bemerkbar, wie Steigerung des Herzschlags und der Atemfrequenz, Erhöhung des Blutdrucks etc.

Auch bei der Desensibilisierung bei einer Allergie fängt man im Übrigen mit kleinen Dosen an und steigert sich langsam.

Zudem ist es wichtig, dass man sich diesen Reizen über einen längeren Zeitraum regelmäßig aussetzt.

Dieser Tipp ist zugegebenermaßen sehr kraftraubend und je nach Ausprägung der Angststörung (noch) nicht durchführbar. In diesem Fall sollte man darüber nachdenken, sich professionelle Hilfe zu holen.

Was meinst Du dazu? Bemerkst Du diese Hypersensibilität auch bei Dir? Kennst Du diese gesteigerte Wahrnehmung und Angst und Panik als Reaktion auf plötzlich auftretende Veränderungen?

Nutze die Kommentarfunktion, und lasse uns wissen, wie sich die Angststörung bei Dir bemerkbar macht.

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68 Kommentare

  1. Ariane sagt:

    Hallo Sebastian

    Ich find es echt super das du anderen hilfst.
    Bei mir ist es so das ich immer bei jeden weh wehchen denke ich bin schwer krank und werde sterben und bin nicht für meine kleine Maus da und kann sie nicht aufwachsen sehen. Ich denk immer ich bekommen schwer Luft und merke wie ich mich Anfang wieder rein zu steigern. Rauche auch sehr viel, wollte auch versuchen aufzuhören aber ich schaff das irgendwie nicht. Bin aber in Therapie.
    Das Problem ist ich weiß das es mein Kopf ist der das alles schlimmer macht, aber dann kommt immer der Gedanke was ist wenn es wirklich was schlimmer ist.

    • Sebastian sagt:

      Hallo Ariane, das sind die Gedanken, die so oder ähnlich wohl die meisten Menschen mit einer Angststörung kennen. Als Vater einer kleiner Tochter kann ich diese Sorgen und Ängste bezogen auf Deine Tochter gut nachvollziehen. Aber wenn Du wirklich schwer (unheilbar) krank werden solltest (was Du mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit nicht bist), dann würdest Du die Zeit, die Dir bleibt, doch trotzdem genießen wollen oder? Und wenn Du Dir diese Sorgen machst, dann kannst Du das ja heute schon nicht genießen. Vielleicht hilft Dir dieser Gedankengang.
      Und zum Rauchen kann ich Dir diesen Artikel empfehlen: http://www.psog.de/nichtraucher-ansgstoerung/
      Lieben Gruß.
      Sebastian

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