Frustrationstoleranz lernen

[Wahre Geschichte 🤞] Ich war Sonntag mit meiner Frau und meinen 3 Kindern im Wald spazieren als uns eine etwa 60-jährige Radfahrerin mit ihrem E-Bike in ziemlich schnellen Tempo entgegenkam.

Als wir sie sahen schoben wir den Kinderwagen rechts rüber, da wir zuvor den kompletten Weg einnahmen.

Als sie an der soeben freigewordenen Stelle an uns vorbeiraste ohne ihr Tempo auch nur im geringsten zu verringern, schrie sie „Platz machen!“

„Erstens war da genug Platz und zweitens hätten Sie ja auch mal etwas abbremsen können,“ rief ich ihr nach

Doch sie hatte nur noch zwei Worte für mich übrig: „Halt’s Maul!“. Sie spuckte die Worte beinahe voller Hass aus.

„Ich wünsche ihnen auch noch einen schönen Sonntag!“ rief ich noch, ehe wir weitergingen. 

Am liebsten hätte ich der „Dame“ ganz was anderes gesagt. Aber da meine Kinder dabei waren, bewahrte ich die Fassung.

Früher hätte mich dieses Erlebnis den ganzen Tag beschäftigt und ich mich immer wieder darüber aufgeregt.

Heute kann ich akzeptieren, dass es solche Aufreger gibt. (Wie viele wir davon tagtäglich erleben, sage ich dir gleich. Du wirst vermutlich überrascht sein).

Jedenfalls hat das Verhalten der Radfahrerin sicher mehr mit ihr selbst als mit mir zu tun. Aus irgendeinem Grund schien sie sehr frustriert zu sein. 

Eigentlich konnte sie einem Leid tun, wobei sie in meinem Leben keine Rolle spielt.

Und so hilft mir vor allem die Einsicht, dass dieses Erlebnis meinem Lebensglück in keinster Weise entgegensteht.

Ich konnte mich darüber aufregen und mir den Tag vermiesen, konnte es aber auch sein lassen und mir eine gute Zeit machen.

23 Frustrationen täglich

Wir haben jeden Tag mit solchen Frustrationen zu tun und zwar durchschnittlich 23 Mal.

  • Das Essen brennt an
  • Da hat schon wieder ein Hund auf den Bürgersteig gekackt
  • Stau
  • Da parkt jemand auf meinem Parkplatz
  • Das T-Shirt ist nicht sauber geworden
  • Wir werden unfreundlich bedient
  • Unsere Verabredung verspätet sich
  • Die Nachbarskinder sind laut
  • Der Nachbar mäht schon wieder den Rasen, während wir uns ausruhen wollen

23 Mal. Jeden Tag.

Während einige glauben, die Welt habe sich gegen sie verschworen, leben andere glücklich ihr Leben. Dabei haben auch sie mit diesen täglichen Aufregern zu tun.

Wie kann das sein?

Einige Menschen haben ganz einfach eine höhere „Frustrationstoleranz“ – sie werden durch diese Aufreger nicht nachhaltig berührt.

Man kann mehr Frustrationstoleranz lernen und zwar mit 3 einfachen Tipps:

  1. Das passiert nicht nur dir. Wir alle müssen mit Frustrationen klarkommen. Akzeptieren wir sie als normalen Teil des Lebens.
  2. Unser Lebensglück wird nicht von diesen kleinen Aufregern beeinflusst, wenn wir es nicht zulassen. Es liegt also an uns, ob wir uns länger damit befassen wollen als nötig.
  3. Dann konzentrieren wir uns wieder auf die schönen Dinge des Lebens.
  4. Und an Tagen, an denen wirklich alles schiefgeht, können wir versuchen über diese Missgeschicke zu lachen.

Frustrationstoleranz ist jedenfalls extrem wichtig, um nicht irgendwann zu verbittern und das Leben zu verteufeln.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, trotz dieser täglichen Frustrationen glücklich sein Leben zu leben, wenn wir uns an die 3 einfachen Schritte erinnern.

Und das muss ich auch manchmal, denn ehrlich gesagt hatte ich auch 10 Minuten später noch einen Groll auf die unfreundliche Radfahrerin, obwohl ich diesen schon nach 3 Sekunden hätte ablegen können.

Und dann rief ich mir die 3 Schritte in Erinnerung: 1. Passiert allen, 2. spielt keine Rolle für mein Leben, 3. Das Leben ist schön.

Ist schließlich meine Entscheidung, ob ich den Tag genieße oder eben nicht.

Was hat das mit einer Angststörung zu tun?

Meiner Beobachtung nach haben Menschen mit einer Angststörung nicht selten eine niedrige Frustrationstoleranz.

Viele Menschen mit übermäßigen Ängsten haben in übertriebenem Maße das Gefühl, ihr Leben stünde unter keinem guten Stern und sind mehr oder weniger verbittert.

Und nicht wenige Menschen mit Angst und Panik haben den Blick für die schönen Dinge des Lebens verloren und fokussieren sich auf solche unschönen Frustrationen.

Das gilt auch dann, wenn sie in einer Situation Angst bekommen haben. Statt stolz auf sich zu sein, weil sie mutig waren, hadern sie mit sich und ihren Ängsten.

Und nicht selten sind diese negativen Erlebnisse auch willkommene Ablenkung eines unbefriedigenden Lebens, genauso wie auch die Angst eine Ablenkung sein kann, um sich nicht mit seinem Leben auseinandersetzen zu müssen.

Über diese 23 Frustrationen kann man sich in der Summe 1 oder vielleicht 2 Minuten aufregen oder eben den ganzen Tag.

Wie entscheidest du dich?

Sebastian D. Kraemer

Als ehemaliger Angstpatient helfe ich seit etwa 10 Jahren Menschen mit übermäßiger Angst und Panikattacken auf ihrem Weg aus der Angststörung.

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