37-jähriger Profi stirbt beim Joggen

“37 Jahre alter russischer Fußball-Profi stirbt nach Herzinfarkt beim Joggen”

Diese tragische Nachricht habe ich heute Morgen in der Zeitung gelesen. Eine Tragödie, keine Frage. Und ich fühle mit seiner Familie.

Doch mein erster Impuls war der Gedanke: “Hoffentlich passiert mir das nicht. Der Mann muss doch fit gewesen sein! Und er wurde bestimmt regelmäßig untersucht.”

​Früher hätte mir das Angst gemacht. Damals, als ich an dieser schlimmen Angststörung gelitten habe, hätte mich das vom Sport abgehalten. Um ehrlich zu sein, war ich damals ohnehin kaum in der Lage, Sport zu machen. Zu groß war die Angst, dass mit meinem Herzen etwas nicht in Ordnung ist. Ich litte an starker Hypochondrie (Angst vor Krankheiten).

Nachrichten wie diese bestätigten mich darin, dass Sport mit russischem Roulette gleichzusetzen ist. Klar, mir war schon bewusst, dass das übertrieben war. Im Grunde war das Blödsinn. Und doch hatte ich Angst.

Nachrichten sind nur die Ausnahme von der Regel

Heute weiß ich, dass Nachrichten nur die Ausnahmen von der Regel beinhalten. Das sind seltene Fälle. So selten, dass die Nachrichtenleute der Ansicht sind, sie seien eine Meldung wert.

Wäre ja auch langweilig, wenn dort zu lesen wäre: “Und auch heute waren wieder Millionen Menschen joggen und mal wieder ist nichts passiert.” Das aber ist die Regel. Doch die will ja keiner hören.

Also: Das, was in den Nachrichten gezeigt und erzählt wird, sind allesamt außergewöhnliche Dinge. Der Mann war ein russischer Fußball-Profi. Auch wenn er ein Jahr bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stand, kennt man ihn hierzulande nicht.

Es ist also nicht so, dass er eine Berühmtheit war. Und doch ist das ein so seltener Fall, dass darüber berichtet wird.

Das Schlechteste, was du tun kannst…

Und noch etwas: Die Schlussfolgerung, besser keinen Sport zu machen, ist das dümmste, was man machen kann. Sie basiert auf der Annahme, dass die Wahrscheinlichkeit, beim Sport einen Herzinfarkt zu bekommen, größer ist, als das tatsächlich der Fall ist.

Das passiert sehr gerade bei jüngeren, trainierten Menschen sehr, sehr selten. Auch andere Menschen kann so etwas treffen. Ich kann mich beispielsweise noch an den prominenten Fall Margarethe Schreinemakers erinnern, die vor einigen Jahren beim Joggen einen Herzstillstand erlitt.

Immer mal wieder hören oder lesen wir von solchen Tragödien. “Junger Fußballprofi stirbt auf dem Platz.” Das aber ist so selten, dass selbst dann darüber berichtet wird, wenn das in der 4. Liga von Venezuela geschieht. Und so bekommt man den Eindruck, das sei wahrscheinlicher, als es tatsächlich der Fall ist.

Hunderte Millionen Männer und Frauen spielen Fußball oder machen einen anderen Sport. Und fast nie passiert etwas. Das ist die Wahrheit.

Und wenn wir aufgrund dieser Annahme keinen Sport machen, weil wir Angst haben, dass auch uns etwas passiert, dann machen wir einen gravierenden Fehler.

Ja, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei uns tatsächlich Todesursache Nummer 1. Das betrifft in der Regel aber eher die Sportmuffel als die sportlich Aktiven. “Und wieder stirbt jemand an einem Herzinfarkt, der sich wenig bewegte, alles wahllos in sich hineinstopfte und geraucht hat wie ein Schlot.”

Diese Meldung würde vermutlich sekündlich zu lesen sein, wenn die Nachrichtenleute das für außergewöhnlich halten würden. Das aber ist es nicht. Das ist die Regel, über die niemand berichtet.

Merke: Nachrichten zeigen nur die Ausnahmen von der Regel.
Dadurch gewinnen wir den Eindruck, das Risiko wäre größer, als es tatsächlich ist.
So gelangen wir zu gravierenden Fehleinschätzungen.

Ich habe mir danach übrigens die Laufschuhe angezogen und bin ne Runde joggen gegangen, wie du auf dem Foto hier siehst. Das habe ich auch deshalb getan, um das Gefühl zu dem zu bekommen, was mein Verstand längst wusste. Dass es ein seltenes, tragisches Unglück war.

Ich muss gestehen, dass ich das zunächst mit einem etwas mulmigen Gefühl getan habe. Nicht logisch begründbar, aber menschlich, wenn man gerade von so einer Tragödie gelesen hat.

“Hoffentlich passiert mir das nicht!” Ein normaler Gedanke, auch wenn dieser egoistisch klingt. Diesen Gedanken darf man aber nicht überbewerten. So tragisch das ist: Es ist ein seltenes Unglück.

Ich kannte ihn nicht und versinke daher nicht in tiefer Trauer. Und doch gehört Artjom Besrodny und seiner Familie mein Mitgefühl in diesen schweren Stunden. Ruhe in Frieden.

Sebastian D. Kraemer

Als ehemaliger Angstpatient helfe ich seit sieben Jahren Menschen mit übermäßiger Angst und Panikattacken auf ihrem Weg aus der Angststörung. Mehr als 36.000 Menschen nehmen an meinem kostenlosen E-Mail-Coaching teil und ich freue mich über jeden einzelnen, dem ich zu einem angststörungsfreien Leben verhelfe.

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2 Kommentare

  1. Hase sagt:

    Hallo Sebastian
    Ich habe seit 2000 Depressionen,vermutlich ausgelöst durch die Scheidung. Ich entwickelte mit den Jahren eine Krankheitsangst,die mich bis heute verfolgt. Mein Vater ist 2011 an Krebs verstorben. Er hatte seit 1997 6 verschiedene Sorten Krebs.
    Im selben Jahr verunglückte meine Mutti mit dem Fahrrad und war zu hundert Prozent ein Pflegefall. Ich hatte eine sehr starke Bindung zu meinen Eltern. Um so mehr traf mich jetzt im November der Tod meines Schwiegervater,der auch an Krebs starb. In all den Jahre hatte ich die verschiedensten Krankheiten im Kopf. Zur Zeit kann ich kaum denken,mir nichts merken,muss beim Lesen mich konzentrieren und denke ich hab Demenz. Panikattacken treiben mich derzeit von einer Attacke zur anderen. Waren Deine Erlebnisse auch so und wie hast Du reagiert. Würde mich sehr interessieren.
    LG Karsten

    • Sebastian D. Kraemer sagt:

      Hallo Karsten,

      das war ja ein hartes Jahr 2011. Das tut mir leid, genauso wie der Tod deines Schwiegervaters. Und du wurdest sicher auch wieder an den Tod deines Vaters erinnert. Du fragst nach meinen Erlebnissen. Als ich 15 war ist mein Vater plötzlich verstorben. Auch das mag ein Faktor dafür gewesen sein, weshalb ich 10 Jahre später an einer Angststörung erkrankt bin. Ich hatte meine Angststörung bereits überwunden als vor 8 Jahren mein Schwiegervater gestorben ist. Wir standen uns nahe und ich wurde zudem an den Tod meines Vaters erinnert.
      Dann fing ich an, in alte Muster zu verfallen. Hatte viele körperliche Symptome, auf die ich mich fokussierte und dramatisierte. Mir wurde jedoch sehr schnell klar, dass hier eine Verdrängung stattfand. Also gestand ich mir zu, zu trauern. Um meinen Schwiegervater (was mir gar nicht so leicht fiel. Schließlich will man stark für seine Frau sein, die ihren Vater verloren hat) und auch noch einmal um meinen Vater.

      Vielleicht kannst du daraus etwas für dich mitnehmen. Das würde ich mir wünschen.

      Lieben Gruß.

      Sebastian

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