Assistenzhund bei einer Angststörung – Interview mit Marisa

Marisa und ihr Assistenzhund

Ein Hund, der bei Panikattacken unterstützt? Wie soll das denn funktionieren? Ich habe mit Marisa gesprochen, die uns erzählt, wie Ihr Assistenzhund Hodor ihr bei ihrer Angststörung und Depressionen hilft.

Hier erfahrt Ihr, was Ihr wissen müsst, falls Ihr mit dem Gedanken spielt, Euch einen Assistenzhund zuzulegen. Wie funktioniert die Ausbildung? Mit welchen Kosten müsst Ihr rechnen? Wo bekommt Ihr finanzielle Unterstützung? Worauf solltet Ihr Euch im klaren sein? Welche Verpflichtungen kommen auf Euch zu?

Viel Spaß beim Interview mit Marisa.

Wie macht sich Deine Angststörung bemerkbar?

Hallo Marisa, ich bin auf Dich zugekommen, weil ich das Thema “Assistenzhunde bei einer Angststörung” sehr spannend finde. Magst Du uns ein wenig von Dir erzählen?

Gerne. Ich heiße Marisa und bin 33 Jahre alt. Seit frühester Kindheit lebe ich mit psychischen Erkrankungen. Diagnostiziert sind bei mir die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), rezidivierende Depressionen, Angststörung mit Panikattacken und eine Essstörung.

Zu meinem Leidwesen wurde mir dies erst vor einigen Jahren vernünftig diagnostiziert und ich somit auch medikamentös – sagen wir mal, “versorgt”. Ich sag das so, weil ich denke dass man mir schon viel eher hätte helfen können, allerdings ist das ja auch immer eine Frage, ob man sich selbst Hilfe holen möchte und diese dann zulassen kann. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich einigermaßen akzeptieren zu können, mit allem was diese Krankheit mit mir macht.

Wenn mich jemand fragt, was ich habe, oder wie es sich anfühlt, erkläre ich es meist wie folgt;

  • Stellt euch vor, wie es sich anfühlt zu ertrinken. Wie sich langsam die Luft im Hals zuschnürt, wie man nichts mehr hört außer dass eigene pochende Herz.
  • Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Raum voller Dämonen, die euch langsam auffressen.
  • Stellt euch vor, ihr ginget durch die Welt und könntet keinerlei Farbe mehr sehen.
  • Stellt euch vor, dass euer Herz so schnell rast, dass euch schwarz vor Augen wird.
  • Stellt euch vor, wie es wäre wenn ihr im eigenen Körper gefangen wäret.
  • Stellt euch vor, wie es ist ständig zu denken, man würde sterben.

So oder so ähnlich fühlt es sich zum Teil jeden Tag an. Ich habe Panikattacken, die mir die Luft abschnüren und mein Kreislauf zum Versagen bringen. Mein Blutdruck steigt, mir wird schwarz vor den Augen und ich kann Körperteile nicht mehr spüren. Manchmal sacke ich mitten in der Öffentlichkeit in mir zusammen, oftmals verkrampfe ich mich so sehr, dass ich ständige Rückenschmerzen habe. Ich bin psychisch krank. Und es wirkt sich auf meinen Körper aus.

Und dann kam Hodor, der Assistenzhund

Wie bist du darauf gekommen, Dir einen Assistenzhund zu suchen?

Jeder, der den Zauber von Tieren kennt, weiß, wieviel sie in uns Menschen auslösen können. So war es auch bei mir. Ich habe Hodor zunächst nicht in der Absicht geholt, dass er ein Assistenzhund werden soll. Ich wollte einfach wieder einen Hund haben, für mich, für mein Seelenheil.

Jahre zuvor wollte ich schon einmal einen Hund zum Therapiehund ausbilden, um ihn dann beruflich nutzen zu können. Ich komme nämlich beruflich aus dem sozialen Bereich und dachte damals noch, damit meine berufliche Zukunft sichern zu können.

Schmunzelnd betrachte ich nun, Jahre später, diese Idee. Inzwischen bin ich nämlich ganz offiziell arbeitsunfähig und in der Erwerbsminderungsrente. Meine berufliche Zukunft war nämlich leider nur eine Wunschvorstellung aus Seifenblasen. Eigentlich hätte mir damals schon klar sein müssen, dass ich das nicht schaffe, nicht schaffen kann. Aber ich habe mich geschämt und wollte unbedingt funktionieren.

Als Hodor schon bei mir war, fing er an Panikattacken in den Anfängen anzuzeigen…er wurde unruhig und brachte mir all sein Spielzeug, um mich abzulenken. Also habe ich angefangen, dies weiter zu trainieren – inzwischen erkennt er im übrigen 80% aller Panikattacken im Vorhinein und kann sie somit abdämpfen. Schließlich habe ich beschlossen, dass es sinnvoller wäre, selbst einen Assistenzhund zu halten und so sorgte ich dafür, dass Hodor entsprechend ausgebildet wurde.

Assistenzhund Kosten und Finanzierung

So ein Hund ist ja im Allgemeinen schon nicht günstig. Das gilt vermutlich erst recht für einen ausgebildeten Assistenzhund. Was kostet Hodor und wie finanzierst du ihn?

Die Kosten für einen Assistenzhund sind super unterschiedlich. Ich kenne Preise von 3.000 bis hin zu 25000€. Das ist ganz individuell und viele Faktoren bestimmen den Preis.

  • Ist der Hund schon vorhanden oder muss ein Hund besorgt werden?
  • Kosten für den Wesenstest. Kosten für die Trainingseinheiten.
  • Wie viele Stunden die Woche kann man trainieren, wie oft braucht man Unterstützung eines Trainers?
  • Ist man überhaupt in der Lage, einen Welpen von Anfang an zu halten oder benötigt man externe Hilfe in Form von einer Patenfamilie, die die ersten Monate Grunderziehung übernimmt?
  • Dann muss man die Kosten für die Haltung des Hundes mit bedenken: Nahrung, Tierarzt, Impfungen und so weiter.

Ich persönlich habe wohl, unter den Assistenzhundenehmern, die ich kenne, mitunter am wenigstens für die Ausbildung bezahlt – aber auch nur, weil ich vorher schon Erfahrungen in der Hundehaltung hatte und somit vieles selbst trainieren konnte.

Finanziert habe ich die Anschaffung und die ersten Monate der Ausbildung selbst, etwa die Hälfte der weiteren Kosten wurden von verschiedenen Stiftungen übernommen.

Welche Stiftungen waren das? Bezuschusst die Krankenkasse Assistenzhunde?

Krankenkassen beteiligen sich bis heute nicht an der Finanzierung eines Assistenzhundes, leider. Blindenführhunde werden inzwischen finanziert oder zumindest bezuschusst. Leider sind die Regelungen bezüglich Assistenzhunde noch nicht so weit.

Die Stiftungen, die mich unterstützt haben, habe ich durch eine ausgiebige Recherche im Internet gefunden. Ich habe mich vor allem an regionale Stiftungen gewendet, aber auch an Stiftungen von bekannten Herstellern von Hundeartikeln wie der Bonnik Hansen Stiftung (Gründer der Marke “Trixie”).

Assistenzhund Ausbildung

Wer hat ihn ausgebildet? Wie findet man die richtige Ausbildungsstätte? Welche Eignung sollte der Ausbilder vorweisen (es existieren, soviel ich weiß, keine einheitlichen Richtlinien)?

Ausgebildet wurde Hodor mithilfe einer Trainerin der Akademie für Assistenzhunde. Diese Trainerin hatte ich im Internet gefunden und war mir einfach am sympathischsten. Und das ist eigentlich auch schon meine Empfehlung, wie man den richtigen Trainer findet: Die Sympathie muss stimmen.

In Deutschland gibt es bis heute keine gesetzlichen Regelungen in Bezug auf die Qualifikationen eines Assistenzhundetrainers. Daher gibt es viele schwarze Schafe. Mir war immer wichtig, dass ich mit der Person menschlich klar komme. Schließlich verbringt man viel Zeit miteinander und redet über sehr intime Dinge.

Meine Trainerin hat mehrere Fortbildungen vorweisen können, welche meine Diagnosen betreffen. Sie kennt sich aus mit meiner Erkrankung und den Symptomen. Und besonders wichtig war mir war, dass unsere Trainingsvorstellungen zusammen passen.

Wie hilft ein Assistenzhund bei einer Angststörung?

Wie genau und in welchen Situationen hilft Dir Hodor?

Wie ich weiter oben schon mal kurz angeschnitten habe, hat Hodor gelernt ca. 80% aller Panikattacken früh anzuzeigen. Das macht er durch verbale Laute (jammern), anstupsen oder an mir hochspringen (falls ich nicht reagiere), dass sie gar nicht erst ausarten.

Falls sie es doch tun und es so schlimm wird, dass ich meine Medikamente brauche, ist Hodor darauf trainiert, mir diese zu bringen – da ich oftmals in den Momenten nicht mehr in der Lage dazu bin.

Unterwegs ist er meine Stütze, allein seine Anwesenheit beruhigt mich. Er blockt mich vor fremden Leuten, das heißt er setzt sich vor, hinter oder seitlich von mir, um für Abstand zu sorgen. Körperliche Nähe zu fremden Menschen, wie es zum Beispiel tagtäglich in der Warteschlange an der Kasse vorkommt, ist für mich unerträglich. Mit Hodor kann ich diese Situationen aushalten.

Er findet außerdem für mich Ausgänge oder eine Sitzgelegenheit, wenn ich dies benötige. Auch stützt er mich, wenn ich zusammensacke / nach einem Anfall wieder aufstehen möchte.

Bevor man sich einen Assistenzhund anschafft…

Welche Vorüberlegungen sind notwendig? Worüber muss man sich im klaren sein, wenn man mit der Überlegung spielt, sich einen Assistenzhund anzuschaffen?

Man muss sich bewusst darüber sein, dass ein Assistenzhund kein Allheilmittel ist. Genauso wenig wie Medikamente oder Therapie. Es sind lediglich Hilfsmittel.

Ein Assistenzhund zu halten, ist kein Zuckerschlecken. Man ist verantwortlich für ein Lebewesen, das – egal wie scheiße es einem gerade geht – versorgt werden will. Auch ist es kein zauberhaftes Einhorn, welches in den Alltag eintritt, sein Zauberhorn glitzern lässt und alles wieder gut wird.

Einen Assistenzhund zu halten bedeutet viel Arbeit. Mit dem Hund, aber vor allem mit sich selbst. Für mich ist mein Assistenzhund ähnlich wie meine Therapie. Ich muss stetig an mir arbeiten, damit ich Fortschritte sehen kann und damit sich was ändert. Mein Hund hilft mir lediglich dabei – die Schritte dafür muss ich aber selbst gehen.

Vielen Dank für dieses lehrreiche Interview!

Kritische Anmerkungen zu Assistenzhunden

Marisa hat mit einer massiven Angststörung, die mit Panikattacken einhergehen, einer phasenweise auftretenden Depression, einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer Essstörung ein ziemlich großes Päckchen zu tragen. In dieser schwierigen Phase ihres Lebens ist ihr Assistenzhund eine große Hilfe, der ihr ermöglicht, am Leben teilzunehmen.

Ihre psychischen Probleme können vermutlich nur mit Hilfe psychotherapeutischer Behandlung gelöst werden und ich drücke ihr alle Daumen, dass sie ihre Erkrankung überwinden wird.

Ich befürchte, dass ein Assistenzhund für Betroffene, die ausschließlich an einer Angststörung leiden, auch eine Gefahr mit sich bringen kann. Wie mit allen Hilfsmitteln kann es mit der Zeit schwer werden, ohne sie auszukommen. Einen Hund kann man ja nicht überall mit hin nehmen. 

Auf der anderen Seite scheint für Marisa derzeit nur mithilfe von Hodor ein einigermaßen normales Leben möglich und somit ist es schön, dass es Assistenzhunde inzwischen auch für Menschen gibt, die an einer Angststörung leiden. Zudem ist ihr bewusst, dass sie die Schritte selbst gehen muss.

Im Übrigen kann auch ein “normaler Hund” eine echte Bereicherung im Leben von Menschen mit Angststörungen und Depressionen darstellen. Schließlich zwingt dieser einen zur Bewegung an der frischen Luft und bringt soziale Kontakte. Und damit wirken Hunde nachgewiesenermaßen sowohl Angststörungen als auch Depressionen entgegen.

Ich danke Marisa für ihre offenen Worte und wünsche ihr, dass sie eines Tages keinen Assistenzhund mehr benötigt, sondern Hodor “nur noch” als normaler Hund an ihrer Seite ist. Weil sie die psychischen Erkrankungen überwunden haben wird.

Wenn Ihr mehr darüber erfahren wollt, schaut gerne auf ihrem Blog vorbei.

Anmerkungen von Marisa: Ich finde es im übrigen sehr gut, dass du auch den kritischen Gesichtspunkt an Assistenzhunden siehst. Viele Betroffene haben nämlich leider die Hoffnung, dass dadurch auf wundersame Weise alles perfekt wird, was faktisch nicht so ist. Sich einen Assistenzhund ins Haus zu holen bedeutet vor allem, sich mit seinen inneren Dämonen auseinander zu setzen und daran zu arbeiten.

Sebastian D. Kraemer

Sebastian D. Kraemer

Als ehemaliger Angstpatient helfe ich seit sieben Jahren Menschen mit übermäßiger Angst und Panikattacken auf ihrem Weg aus der Angststörung. Mehr als 20.000 Menschen nehmen an meinem kostenlosen E-Mail-Coaching teil und ich freue mich über jeden einzelnen, dem ich zu einem angststörungsfreien Leben verhelfe.

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