Hier und Jetzt III

Leben im Hier und Jetzt. Das ist für viele Menschen ein scheinbar unerfüllbarer Traum. Es ist aber auch so schwer im Hier und Jetzt zu leben. Ständig schweifen die Gedanken ab, viel zu oft sind wir mit der Zukunft beschäftigt. Was muss ich morgen noch alles erledigen? Ach, wenn jetzt schon Wochenende wäre, was werde ich dann froh sein!

Kennst Du das? So ging es mir auch immer!  War es dann endlich soweit und ich hatte Wochenende, so war ich tatsächlich froh, ungefähr für drei Minuten. Dann beschäftigte ich mich schon mit der nächsten Woche anstatt das Wochenende zu genießen. Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, dass die Zeit so schnell verfliegt. Ich nahm die Gegenwart, den Moment ja kaum war. Während ich mit den Gedanken in der Zukunft war, war die Gegenwart auch schon wieder Vergangenheit. Ich habe sie verpasst, nicht richtig gelebt. So hatte ich das Gefühl, dass die Zeit zwischen meinen Fingern zerrinnt. Das war ja Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Die Zeit scheint zu rasen.

Der Schlüssel zur subjektiv empfundenen Verlängerung des Lebens liegt darin, das zu genießen, was man gerade jetzt, in diesem Augenblick, macht.Zudem ist die Gegenwart wohl der einzige Moment zum Glücklichsein. Wenn man nicht in der Gegenwart lebt, so ist es somit unmöglich sein Glück zu finden.

Weshalb lebte ich denn so selten im Hier und Jetzt? Weshalb fiel mir das so schwer?
Nach reiflicher Überlegung meinte ich die richtige Antwort dafür gefunden zu haben. Mein Leben verlief gerade überhaupt nicht so, wie ich mir das vorstellte. Deshalb flüchtete ich vor der Realität, denn die Gegenwart ist die einzig wahre Realität. Alles andere nur ein Konstrukt in unserem Kopf. Die Zukunft wird so nicht eintreten und auch die Vergangenheit sehen wir mit unserer jetzigen Erfahrung vermutlich aus einer ganz anderen Perspektive.
Ich verbrachte viel zu viel Zeit mit Dingen auf die ich keine Lust habe. Das Studium, die Arbeit, das alles machte mir keinen Spaß, es füllte mich nicht aus. Also versuchte ich diese Zeit möglichst schnell herum zu bekommen. Es ist halt verdammt schwer die Zeit auf der Arbeit zu genießen, wenn man lieber woanders wäre.
Es scheint mir insgesamt ein Problem unserer Gesellschaft zu sein, dass wir unsere Arbeit einfach schnell hinter uns bringen wollen. In einem Interview mit dem Philosophen Dieter Thomä, welches ich am 15.August 2010 auf wiwo.de gelesen habe, stellt dieser so treffend fest, dass sich allein hinter dem Begriff »Work-Life-Balance« die traurige Annahme verbirgt, dass man nicht lebt, während man arbeitet. Die Arbeit hat ihren Sinn in diesem Fall allein in dem Gehaltsscheck.
Ein weiterer Begriff, der oftmals im Zusammenhang mit Vereinbarkeit von Beruf und Familie fällt und uns zu denken geben sollte ist der der »Doppelbelastung«. Thomä schlägt vor hier von »Doppelerfüllung« zu sprechen. Dazu brauchen wir aber zunächst einmal einen Job, der uns wirklich erfüllt.

Was wollte ich also wirklich machen? Was war meine Lei-denschaft? Man sagt immer so schön, dass es das Beste sei, sein Hobby zum Beruf zu machen. Das ist allerdings oftmals schwer möglich. Zusätzlich muss man auch folgende Frage bejahen können: Kann ich damit meinen Lebensunterhalt finanzieren?
Denn zu meinem Leidwesen musste ich auch von irgendet-was leben. Man kann eben nicht immer nur das machen, wozu man Lust hat. Das vergessen die Therapeuten manch-mal. Wer es jedoch schafft, seine Leidenschaft mit seinem Beruf irgendwie in Einklang zu bringen, der ist vermutlich glücklicher. Davon bin ich überzeugt. Soweit war ich aller-dings noch nicht. Als ersten Schritt hatte ich jedoch eine Leidenschaft ausgemacht, die ich lange Zeit vernachlässigt habe: Das Fußball spielen.
Dabei konnte ich die Alltagssorgen zumindest für eine ge-wisse Zeit vergessen. Das macht für mich eine echte Leidenschaft aus. Ich werde zwar wohl kaum Fußballprofi wer-den, ein Hobby als Ausgleich zu haben trägt allerdings dazu bei, auch die Arbeit, die einem vielleicht auch mal nicht so viel Freude bereitet, besser ertragen zu können.

Wir müssen uns also nicht damit abfinden, dass die Zeit dermaßen rast. Ich wollte nun vor allem versuchen bewusster zu leben. Dazu musste mein Alltag (auch) von den Din-gen bestimmt werden, die mich erfüllten.

Da fiel mir noch die kleine Geschichte ein, die mir Marina zum Thema im-Hier-und-Jetzt-leben einmal erzählt hat:
Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister: »Warum bist Du eigentlich Meister und ich immer noch Schüler? «
Darauf antwortete der Meister: »Wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich stehe, dann stehe ich und wenn ich laufe dann laufe ich. «
»Ja, aber das mache ich doch auch! «
»Nein«, antwortete der Meister, »Wenn Du sitzt, dann stehst Du schon. Wenn Du stehst, dann läufst Du schon und wenn Du läufst, bist Du schon am Ziel. Wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich stehe, dann stehe ich und wenn ich laufe dann laufe ich. Deshalb bin ich Meister. «

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, weshalb diese kleine Artikelserie den Titel “Hier und Jetzt” trägt. Versuche einmal mehr im Hier und Jetzt zu leben, versuche einfach mal zu genießen, dass Du da bist. Ich bin davon überzeugt, dass es uns dann gelingt, dass wir weniger das Gefühl haben, die Zeit würde rasen.

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