Ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung heißt nicht Angststörung

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Ängstliche Menschen können eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung aufweisen. Warum ich wenig von dieser Diagnose halte, weshalb das nicht bedeutet, dass ängstliche Menschen zwingend eine Angststörung entwickeln und warum das nicht heißt, dass man eine Angststörung nicht überwinden könne – das alles besprechen wir in diesem Beitrag.

Manche sind nun einmal ängstlicher als andere

Einige Menschen sind von Natur aus eher ängstlich und vorsichtig – im Allgemeinen oder auch bezogen auf bestimmte Situationen. So kann es beispielsweise sein, dass jemand in sozialen Situationen eher zurückhaltend ist, während er bezogen auf Aktivitäten ein Draufgänger ist oder andersherum.

Ist jemand von Natur aus ängstlich, so mag ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Angststörung bestehen. “Ängstlich” bedeutet aber nicht automatisch “Angststörung”. Eine Angststörung liegt nur dann vor, wenn Ängste übermäßig und unverhältnismäßig auftreten und der Betroffene darunter leidet. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass eine gravierende Angststörung nur dann vorliegt, wenn diese übermäßige, unverhältnismäßige Angst ein normales Leben unmöglich macht.

Ein ängstlicher, vorsichtiger Mensch kann aber durchaus ein normales Leben ohne eine Angststörung führen. Warum das so ist, besprechen wir jetzt…

Was ist die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Ob jemand eher ängstlich ist, hängt wohl von verschiedenen Faktoren ab: Von der genetischen Veranlagung, der Erziehung sowie gemachten Erlebnissen (in der Kindheit).

In der Psychologie und der Medizin gibt man gerne alles und jedem einen Namen. Das gilt auch für eine auffällige Persönlichkeitsstruktur, die mit gewissen Nachteilen einhergehen kann. Und während die einen davon sprechen, dass ein Mensch eher ängstlich ist, sprechen die Experten von einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung.

Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene vor allem in sozialen Situationen unsicher sind. So fühlen sie sich nicht gut genug, haben Angst vor Kritik und Ablehnung und haben oftmals ein Problem damit, intime Beziehungen einzugehen (vgl. Wikipedia).

Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ist der sozialen Phobie nicht unähnlich.

Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung bzw. ängstliche Menschen neigen vermehrt zu Angststörungen, was nicht verwunderlich ist. Wenn jemand im Volksmund als eher ängstlich gilt, so besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich übermäßige Ängste hinzugesellen, unter denen der Betroffene leidet und die ein normales Leben erschweren. Soweit so gut oder auch nicht…

Warum ich wenig von der Diagnose halte

Ich selbst halte nicht besonders viel von der Diagnose einer solchen Persönlichkeitsstörung, da diese nicht selten als Entschuldigung dafür herhalten muss, weshalb man an der Angststörung nichts verändern kann.

Und irgendwie ist das ja auch nicht unlogisch. Schließlich ist die eigene Persönlichkeit nur sehr schwer und nur in engen Grenzen zu verändern. Das gilt daher auch für eine Persönlichkeitsstörung. Man kann also recht wenig dagegen machen.

Das gilt natürlich unabhängig davon, wie man das Ganze bezeichnet. “Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung”  oder schlicht und ergreifend “ängstlich” – es ist schwer möglich, das zu verändern oder gar ins Gegenteil zu verkehren.

Und doch macht es einen Unterschied, ob wir sagen “Ich bin eher ängstlich” oder “Ich habe eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung”. Ich denke, Ihr gebt mir recht, dass sich letzteres sehr viel größer und dramatischer anhört. Wir sehen eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur als krankhaft an, geben dieser Krankheit einen Namen und schwupps, schon haben wir etwas, dass wunderbar als Entschuldigung herhalten kann.

Darum würde ich Euch raten, dass Ihr Euch mit solchen Begrifflichkeiten nicht aufhaltet.

Und das Wichtigste noch einmal: Ängstlich zu sein bedeutet nicht eine Angststörung zu haben. Auch wenn wir wenig an Persönlichkeitsmerkmalen machen können – wir können sehr wohl etwas dagegen tun, um eine Angststörung zu überwinden.

Ich war schon als Kind ängstlich

Genetische Veranlagung, frühkindliche Erziehung und Erlebnisse sind wohl die wichtigsten Faktoren für eine ängstliche Persönlichkeitsstruktur. Daher verwundert es nicht, wenn Betroffene schon als Kind übermäßige Angst zeigten – im Allgemeinen oder bezogen auf bestimmte Situationen/Objekte/Themen.

Ich habe sicherlich keine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. So hätte man mich von Kindheit an eher als Draufgänger bezeichnet. Ich hatte keine Probleme in sozialen Situationen. Ängste in sozialen Situationen traten lediglich im Zuge meiner Angststörung viele Jahre später auf.

Ich war jedoch schon immer ängstlich, wenn es um Krankheiten und Tod geht. Ich bin in meiner frühen Kindheit dem Tod mehrmals von der Schippe gesprungen (nachzulesen in meinem Buch). Ich halte es für gut möglich, dass sich die damaligen, nachvollziehbaren Sorgen meiner Eltern auf mich übertragen haben.

Dass mein Vater an einem plötzlichen Herzinfarkt verstorben ist, hat sicherlich zusätzlich dazu beigetragen, dass ich später eine massive Angststörung entwickelte, die unter anderem durch die krankhafte Angst vor Krankheiten gekennzeichnet war.

Bezogen auf Krankheit und Tod war ich schon immer ängstlich. Eine Angststörung hat sich allerdings erst so richtig entwickelt, als weitere verschiedene Faktoren zusammenkamen – 25 Jahre nach meiner Geburt und 10 Jahre nach dem Tod meines Vaters.

Es mag schwer bis unmöglich sein, meine ängstliche Natur in Bezug auf Krankheiten und Tod komplett umzukrempeln. Und doch heißt das keinesfalls, dass man eine Angststörung nicht überwinden könne.

Meine ängstliche Grundhaltung in diesem Bereich mag einer der Faktoren gewesen sein, weshalb ich eine Angststörung entwickelt habe. Doch es bedurfte weiterer Umstände, um die Angststörung entstehen zu lassen und an diesen Umständen kann man sehr wohl arbeiten und damit auch eine Angststörung überwinden.

Haltet Euch daher besser nicht mit Begrifflichkeiten wie ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung auf. Es bringt oft nicht nur wenig – es kann der Heilung sogar im Wege stehen, wenn wir aus einer auffälligen Persönlichkeitsstruktur eine Krankheit machen (auch wenn diese Struktur zugegebenermaßen hinderlich sein kann).

Wenn Du schon immer zu den eher ängstlichen, vorsichtigen Menschen gehört hast – dann ist das eben so. Das aber bedeutet nicht, dass Du Dich mit einer Angststörung arrangieren müsstest. Auch ängstliche Menschen, die eine Angststörung entwickelt haben, können eine Angststörung überwinden und ein glückliches Leben führen.

Sebastian D. Kraemer

Sebastian D. Kraemer

Als ehemaliger Angstpatient helfe ich seit sieben Jahren Menschen mit übermäßiger Angst und Panikattacken auf ihrem Weg aus der Angststörung. Mehr als 20.000 Menschen nehmen an meinem kostenlosen E-Mail-Coaching teil und ich freue mich über jeden einzelnen, dem ich zu einem angststörungsfreien Leben verhelfe.

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2 Kommentare

  1. Sebastian D. KraemerSebastian D. Kraemer sagt:

    Vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob, das freut mich sehr. Auch mir sind in den letzten Jahren (ich mache das hier ja schon eine Weile) viele abenteuerliche Geschichten in Bezug auf Ärzte zu Ohren gekommen. Allerdings würde ich das nicht so pauschalisieren. Es gibt viele gute Ärzte, die Psychopharmaka nicht vorschnell verschreiben. Auch würde ich behaupten, dass die überwiegende Mehrheit wegen Stresssymptomen keine Antidepressiva verschreibt. Angst führt zwar zu Stress. Die Symptome einer Angststörung gehen jedoch über eine normale Stresssymptomatik hinaus, auch wenn viele der Angst-Symptome durchaus auch bei "normalem" Stress vorkommen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Ärzte das durchaus differenzieren können.
    Aber ich finde auch, dass bei einer Angststörung oftmals vorschnell Medikamente verschrieben werden. Schlimm finde ich es vor allem, wenn daneben keine Psychotherapie stattfindet.
    Lieben Gruß.
    Sebastian

  2. Andre sagt:

    Diagnosen sind generell so eine Sache. Aber nicht nur die Diagnosen sind das Problem, sondern auch oft die Ärzte die diese Stellen. Kurz zu mir: Ich bin einen sehr ähnlichen Weg gegangen wie du. Ich war 6 Jahre lang Angstpatient und habe mich aus eigener Kraft wieder aus diesem Loch gekämpft. Ganz nach deinem Motto: Eigenverantwortung übernehmen. Aber wie auch immer. Zurück zum Thema. Ich würde gerne einmal die Zahlen kennen, wie viele Leute mit “normalen” Stresssymptomen zum Arzt kommen, zwischen Tür und Angel eine Diagnose erhalten und dann mit AD’s abgespeist werden. Wahrscheinlich würde mich diese Zahl schockieren. Denn besonders bei Ängsten und Angststörungen ist es ja so, dass die Symptome so gut wie 1:1 mit normalen Stresssymptomen übereinstimmen. Denn Angst ist Stress. Ohne Stresshormone kein Angstgefühl. Und genau da wird es meiner Meinung nach problematisch. Heutzutage herrscht bei den meisten Ärzten eine Fließbandabfertigung sondergleichen. Und ob da dann überhaupt noch von einer richtigen Diagnose die Rede sein kann ist sehr fragwürdig. Hinzukommend sind bekannte Nebenwirkungen von AD’s unter anderem Angstzustände. So wird aus einem gestressten aber gesunden Menschen schnell ein Pflegefall. Ob das gewollt ist oder einfach nur ein “Opfer” der “larifari-Einstellung” vieler Ärzte ist sei mal dahigestellt. Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Gute Arbeit die du machst! Gefällt mir sehr gut. Weiter so! LG Andre

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