Eine Erfolgsgeschichte: Wie Sandra ihre Angststörung überwinden konnte

Kann ich eine Angststörung überwinden? Immer wieder erreicht mich diese Frage. Wir wollen uns der Beantwortung dieser Frage widmen und schauen uns dazu eine Erfolgsgeschichte an.

Kann man eine Angststörung überwinden oder muss man lernen, mit übermäßiger Angst bis hin zu Panikattacken zu leben? Immer wieder erreicht mich diese Frage. Und immer wieder weise ich darauf hin, dass ich selbst habe eine Angststörung überwinden können. Ich WEIß also aus eigener Erfahrung, dass das möglich ist.

Aber ich bin natürlich nicht der Einzige. Ich kenne inzwischen Hunderte, die Angstzustände und Panikattacken ebenfalls (selbst nach jahrelanger Leidenszeit) hinter sich lassen konnten. Mit vielen davon habe ich sogar zusammengearbeitet.

Und ich bekomme viele positive Rückmeldungen. Die wenigsten sind allerdings damit einverstanden, dass diese veröffentlicht werden. Zu groß ist die Angst vor negativem Feedback, da Angstzustände und Panikattacken leider immer noch ein Tabu sind.

Doch ich weiß, dass Erfahrungsberichte, die beschreiben, wie es jemand geschafft hat, eine Angststörung zu überwinden, für Betroffene extrem hilfreich sein können.

Und deshalb möchte ich nun hin und wieder auch Erfolgsgeschichten veröffentlichen, da ich der Meinung bin, dass diese Betroffenen Mut machen und Hoffnung geben können, dass auch sie ihre Angststörung überwinden können.

Und Sandra hat mich auf diese Idee gebracht. Denn sie hat geschrieben: “Ich denke mir oft, dass wenn man in diesen ganzen Foren unterwegs ist, liest man immer die schlimmsten / akutesten Situationen und Fälle. Die wenigsten ehemaligen Angstpatienten schreiben dort motivierende Worte – einfach weil sie froh sind, dieses Kapitel endlich hinter sich gelassen zu haben. Verständlich irgendwie. Sie wollen schlicht und einfach nichts mehr damit zu tun haben. Deshalb finde ich es so wichtig, dass man Menschen wie dir, die so tolle Arbeit leisten, auch diese Rückmeldung gibt.”

Und aus diesem Grund ist Sandra damit einverstanden, dass ihre Erfolgsgeschichte hier erzählt wird. Sie hat sich sogar bereit erklärt, dass ihr Foto gezeigt wird (findest Du weiter unten). Ich bedanke mich herzlich für ihre Offenheit und ihren Mut.

So konnte Sandra ihre Angststörung überwinden

Sandra hat mir eine lange Mail geschrieben, in der sie mir beschreibt, wie sie ihre Angststörung überwinden konnte. Aber lies selbst:

Nach Deiner letzten E-Mail habe ich mich gefragt, was war 2016 genau für mich eigentlich? Traurig? Anstrengend? Voller Hürden? Glück? Freude? Im Grunde genommen eine Mischung aus allem und noch viel mehr. Und genau das ist viel wert.

Die Jahre 2014 und 2015 kann ich nämlich unter ein einziges Wort stellen: Angst. Ich litt unter einer schrecklichen Angst- und Panikstörung, zusätzlich einer hypochondrischen Störung und wurde durch diese ganzen Einschränkungen schlussendlich depressiv.

Ich war zwei Jahre lang quasi nicht in der Lage, alleine in einem Raum zu sein. Meist nicht einmal auf der Toilette. Ich hatte immer und ständig Angst, direkt auf der Stelle tot umzufallen. Ich hatte Panikattacken, welche sich über Stunden hinzogen. Ich habe viele, viele Nächte kein Auge zugemacht.

Und da ich furchtbare Angst vor Medikamenten hatte, sah ich mich nicht einmal dazu in der Lage, ein “Notfallmedikament” zu nehmen. Ein Teufelskreis. Ich war zwei Jahre lang ambulant in Behandlung und insgesamt 6 Monate davon teilstationär in einer psychiatrischen Tagesklinik.

Ich bin heute 28 Jahre alt und Mutter eines inzwischen 10-jährigem Sohnes. In den Jahren 2014 und 2015 griff ich nach jedem Strohhalm der mir möglicherweise Hilfe verschaffen könnte. Bücher über Angst, Artikel in Fachzeitschriften, deine wunderbaren Emails, dein Blog, viele Foren, Gespräche mit Ärzten und Therapeuten, Termine beim Heilpraktiker, Medikation und und und.

Ich kann dir nicht sagen, wie viele Arztpraxen und Krankenhäuser ich von innen gesehen haben und wie viel Wissen ich mir über weiß Gott welche Krankheiten angeeignet habe. Durch den ganzen Stress habe ich tatsächlich körperliche Probleme bekommen: Stressbedingtes Asthma und Herzrhythmusstörungen.

Zuerst war das der Supergau für mich. Durch die Medikation habe ich auch direkt noch “hübsche” 20 Kilo zugenommen. Was diese Kombination für mich als Hypochonder bedeutete brauche ich dir wohl kaum erklären. Es war die Hölle.

Meine Ehe lief sehr schlecht und auf der Arbeit konnte ich einfach nicht mehr durchhalten. Immer wenn ich eine deiner Emails gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob es wohl wirklich möglich ist den ganzen Mist irgendwann einmal hinter sich zu lassen. Kann ich eine Angststörung überwinden?

Ich sammelte Informationen und stürzte mich immer mehr in das Thema. Mit der nächsten Panikattacke kam jedoch sofort wieder das Gefühl auf versagt zu haben und auch der Glaube, dass es nie wieder gut wird.

Bei einem erneuten Termin bei meinem Psychiater hatte ich plötzlich eine schreckliche Wut. Wut auf mich selbst und Wut auf die Welt. Es war Anfang 2016, ich war 27 Jahre jung und mein Arzt sprach mich darauf an, dass wenn ich wolle die Möglichkeit bestünde, dass ich eine bestimmten Prozentsatz an Behinderung beantragen könnte. BEHINDERUNG?!?! Hallo?! Geht’s noch?!

Dieser Moment hat in mir so viel geändert. Ich wusste wenn ich jetzt nichts mache, dann sinke ich immer weiter in diesem Sumpf. Also habe ich mir überlegt, was ich noch NICHT ausprobiert hatte. Ich war wütend auf alles und jeden und war bereit dazu so ziemlich ALLES zu tun.

Meine Antworten fand ich recht schnell: Loslassen. Veränderung schaffen. Ich überlegte mir, mit welchen Bereichen in meinem Leben ich nicht zufrieden bin. Das waren so einige. Ich entschied mich also, sofort alles anzugehen. Radikal. Kurzer Prozess. Bevor ich damit anders überlegen konnte.

Ich kündigte meine ungeliebte Arbeitsstelle, überlegte mir, was mir beruflich Freude bereiten würde, trennte mich von meinem untreuen Mann (das hat natürlich eine lange Vorgeschichte die hier einfach den Rahmen sprengen würde), meldete mich in einem Fitnessstudio an und begann, meine Psychopharmaka auszuschleichen.

Wow. War das wirklich alles ich?? Ja!! Und es waren die besten Entscheidungen in meinem Leben!!

Heute wohne ich mit meinem Sohn alleine (und das obwohl ich mich noch letztes Jahr in keinem Raum auch nur für zwei Minuten alleine aufhalten konnte), habe meine Therapie selbstverständlich ordentlich abgeschossen, nehme seit Anfang des Jahres keine Psychopharmaka mehr, arbeite als Beschäftigungstherapeutin im ambulanten Dienst mit Menschen, welche an Demenz erkrankt sind und trainiere drei bis vier mal wöchentlich im Fitnessstudio á 2,5 Stunden.

Ich habe 18 Kilo abgenommen und mir noch weitere 10 Kilo als Ziel gesetzt. Ich bekam bezüglich meinen Herzrhythmusstörungen einen Event Recorder implantiert, welcher jetzt alles aufzeichnet was ich vorher aus Angst nie sehen wollte. Bei der Implantation wollte ich weder Narkose noch Dämmerschlaf, ich wollte alles bei vollem Bewusstsein mitbekommen. Und habe die ganze OP problemlos durchgehalten.

Ich habe mich wieder tattoowieren lassen (wovor ich während der letzten beiden Jahre schreckliche Angst hatte weil ich meinem Körper damit ja einiges zumute wegen den Farben). Mein Asthma ist so gut geworden, dass ich keine tägliche Medikation mehr brauche, lediglich noch selten beim Sport eine Bedarfsmedikation wenn ich mich zu lange zu sehr anstrenge.

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Sandra hat ihre Angststörung überwinden können

Ich glaube ich hatte im letzten Dreiviertel Jahr zwei Panikattacken. Und die konnte ich echt locker nehmen. Ich legte mich mit einer Wärmflasche und meiner Kuscheldecke auf die Couch, startete meinen Lieblingsfilm und machte mir bewusst, dass ich mir einfach zu viel auf einmal zugemutet hatte.

Ich ging liebevoll mit mir und der Panik um und wartete geduldig bis sie vorbei war. Wir haben uns quasi angefreundet. Ich glaube dass mir das immer wieder passieren kann, weil das einfach meine Schwachstelle ist. Aber ich kann damit leben und verstehe, was mein Körper mir damit sagen will. Er will sagen ‘nimm dir Kekse, mach dir eine Staffel deiner Lieblingsserie an und lass uns ausruhen’.

Ich bin heute glücklich wie lange nicht und habe so viel über mich gelernt. Im Anhang schicke ich dir ein aktuelles Bild von mir von heute. Ein kurzer Schnappschuss heute in der Arbeit. Ich glaube man sieht, wie glücklich ich bin.

Für diesen persönlichen Erfolg möchte ich auch dir von Herzen danken, du hast mich auf diesem Weg lange Zeit begleitet.

Viele Grüße
Sandra

Was kannst Du daraus lernen?

Hat Sandra ihre Angststörung überwinden können?

Vielleicht fragst Du Dich zunächst, ob Sandra ihre Angststörung überwinden konnte oder sie sich nicht vielmehr damit arrangiert hat. Schließlich hatte sie noch 2 Panikattacken.

Eine gelegentliche Panikattacke begründet jedoch noch keine Angststörung. Zudem ist es ein Merkmal einer Angststörung, dass der Betroffene darunter leidet und eingeschränkt ist. Das scheint bei Sandra nicht der Fall zu sein.

Sie nimmt die aufkommende Angst als Anlass dafür, sich auszuruhen. Nicht mehr, und nicht weniger. Die Kriterien einer Angststörung sind nicht erfüllt, auch wenn vor allem in Krisensituationen die potentielle Gefahr besteht, dass man in alte Muster verfällt.

Sind radikale Veränderungen die Lösung?

Die drei wichtigen Lebensbereiche eines Menschen sind: Beziehungen, Job/Karriere/Geld und Gesundheit. In allen Bereichen hat Sandra radikale Veränderungen vorgenommen und zwar weil sie erkannt hat, dass sie mit ihrem ungeliebten Job und ihrem untreuen Ehemann nicht glücklich wird. Dadurch hat sich ihr Leben von Grund auf geändert.

Derartig radikale Veränderungen können mit dazu beitragen, eine Angststörung zu überwinden. Doch längst nicht immer ist das in dieser Form notwendig. Doch eines steht fest: Wenn man unzufrieden mit einer Situation ist, dann ist es auch notwendig, etwas zu ändern.

Denn Unzufriedenheit (vor allem in so wichtigen Bereichen wie Job und Partnerschaft) kann mitverantwortlich für das Auftreten einer Angststörung sein. Und Unzufriedenheit hält eine Angststörung oftmals aufrecht.

Und daher muss man an Umständen, mit denen man unzufrieden ist, etwas verändern, wenn man eine Angststörung überwinden will, auch wenn diese Änderungen längst nicht immer so radikal ausfallen.

Sandra ist aktiv geworden

Sandra hat diese Veränderungen AKTIV vorangetrieben. Und sie hat damit begonnen, Sport zu machen, was dazu führte, dass sie sich in ihrem Körper wieder wohl fühlt.

Wenn wir aktiv werden, schaffen wir Handlungsspielraum. Wir fühlen uns weniger als Opfer der Umstände und bekommen wieder das wunderbare Gefühl, das eigene Leben aktiv gestalten zu können.

Sie gibt auf sich acht

Sandra nimmt die manchmal aufkommende Angst zum Anlass, um sich selbst zu bremsen und von den Strapazen des Alltags zu erholen. Für sie ist es das Zeichen, mal halblang zu machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dadurch verhindert sie, dass die Angststörung wieder Teil ihres Lebens wird.

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3 Kommentare

  1. Lilie sagt:

    Wunderschön geschrieben!!!! Und Respekt vor Sandra, es ist sehr sehr schwer für Menschen mit Attacken etwas im Leben zu ändern. Und dann noch gleich so radikal dazu. Wunderbare Mutmach Story.

  2. Anschilalo sagt:

    Wow, vielen Dank an Sandra dass sie den Mut hatte sich zu zeigen und zu berichten. Das schenkt Hoffnung!

    Oft sind die Ansätze aber nicht so einfach herauszufinden, wo genau denn nun die Balance nicht stimmt und somit nicht so einfach Veränderungen umzusetzen bzw. manchmal nicht möglich (Bsp. Kids in der Pubertät, sind abweisend und beleidigend und ich kann damit nicht adäquat umgehen. Kann sie ja schlecht rausschmeißen… 😉 Also muss ich was ändern. Wo gibt es denn dicke Felle zu kaufen???)

    • Sebastian sagt:

      Vielleicht hilft es Dir, wenn Du Dir zum einen verdeutlichst, dass das bis zu einem gewissen Grade normal ist und auch diese Phase vergeht. 😉

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