November 12

Nur nicht auffallen

Wenn man Angstzustände und Panikattacken hat, ist das den meisten Menschen unangenehm. Es ist ihnen peinlich, wenn andere die Angst bemerken. Eine Angststörung ist auch heute leider immer noch ein Tabuthema.

In diesem Artikel erfährst Du, wann es sich lohnen kann, offen mit der Angststörung umzugehen. Außerdem geht es darum, warum Du ruhig auffallen darfst (ganz unabhängig von der Angststörung), statt Dich kleinzumachen.

Panikattacken können peinlich sein

Weil vielen Menschen ihre Angststörung peinlich ist, versuchen die meisten Betroffenen ihre Angst zu verbergen. Und das ist verständlich. Die Angst ist schließlich meist unbegründet, da die Situationen, in denen man Angst bekommt nicht wirklich gefährlich sind. Menschen, die das nie erlebt haben, könnte es schwer fallen, das nachzuvollziehen.

Das Problem dabei ist, dass sie dadurch alles schlimmer machen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung sehr gut. Panikattacken kommen oft gerade dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Ich habe damals unter anderem in der Personalabteilung eines großen schwedischen Möbelhauses gearbeitet, wo ich auch Vorstellungsgespräche geführt habe.

Es wäre mir extrem unangenehm gewesen, wenn einer der Bewerber meine Panikattacken bemerkt hätte. Und weil das so war, habe ich gerade in solchen Situationen Panikattacken bekommen. Ich hatte Angst in dieser Situation Panik zu bekommen, wodurch die Panikattacke erst ausgelöst wurde. Man nennt das die Angst vor der Angst.

Wenn ich gemerkt habe, dass eine Panikattacke herankriecht, habe ich versucht, diese zu unterdrücken. Ich habe innerlich dagegen angekämpft und habe damit alles nur noch schlimmer gemacht. Es ist mir verdammt schwer gefallen, mich in diesen Situationen auf mein Gegenüber zu konzentrieren.

Wäre es mir gelungen, gelassener damit umzugehen, hätte ich wahrscheinlich überhaupt keine Panikattacke bekommen. Aber das ist nicht so einfach. Für mich war das unmöglich. Seien wir ehrlich: Es ist schon irgendwie peinlich, wenn man ein Vorstellungsgespräch wegen einer Panikattacke abbrechen müsste. Etwas anderes zu behaupten, wäre gelogen.

Ich habe die Vorstellungsgespräche durchgehalten. Nur einmal habe ich mich kurz entschuldigt, bin 5 Minuten später wieder rein und habe das Gespräch fortgesetzt. Den Grund für die Unterbrechung habe ich für mich behalten. Kein einziges Mal hat einer der Bewerber etwas von meiner Angst bemerkt. Allerdings war ich anschließend fix und fertig.

TIPP: Halte die Situationen aus. Dir passiert nichts. Auch wenn Du dadurch allein die Angststörung vermutlich nicht überwinden wirst – Du verhinderst damit, dass Du Deinen Bewegungsradius immer mehr einschränkst. Es besteht die Gefahr, dass Du immer mehr Situationen meidest und Du Dich schlimmstenfalls irgendwann gar nicht mehr aus dem haus traust.

Halten wir fest: Eine Panikattacke ist immer unangenehm. Eigentlich ist nie die richtige Zeit dafür. Es gibt aber Situationen, in denen eine Panikattacke zu einem EXTREM ungünstigen Zeitpunkt kommt. Nicht immer kann man so offen damit umgehen.

Allerdings rate ich gegenüber bestimmten Personen zur Offenheit. Das nimmt Dir den Druck und dadurch allein treten Panikattacken weniger häufig auf. So hätte ich meiner Chefin und gegenüber meinen Kollegen ehrlich sein können. „Ich habe momentan mit einer Angststörung zu kämpfen. Das hält mich nicht grundsätzlich von meiner Arbeit ab. Allerdings geht es mir manchmal nicht so gut und ich fühle mich wohler, wenn ihr davon wisst.“

Hätte ich das getan, so hätte mir das auch den Druck in den Vorstellungsgesprächen genommen und ich hätte weniger Panik gehabt. Da bin ich sicher.

Ein Freund von mir hat (etwas später als ich) ebenfalls für eine gewisse Zeit mit einer Angststörung zu tun gehabt. Er hat seinem Vorgesetzten von seinen Panikattacken erzählt. Der hat verständnisvoller reagiert als erwartet. Und so ging es meinem Freund auf der Arbeit deutlich besser.

Klar, dass erfordert Mut. Man weiß nie genau, wie der andere reagiert. Und doch solltest Du darüber nachdenken, zumindest gegenüber bestimmten Personen mit offenen Karten zu spielen. Nicht für die anderen. Für Dich. Weil so seltener Angstzustände und Panikattacken auftreten.

Nur nicht auffallen

Bis zu meiner Angststörung war ich jemand, der gerne im Mittelpunkt gestanden hat. Ich war selbstbewusst, habe meine Meinung kundgetan, wann immer ich es für nötig gehalten hatte und habe einen Raum betreten nach dem Motto: „Hi, hier bin ich!“

Mit dem Beginn meiner Angststörung hat sich das vollkommen geändert. Ich wollte nicht, dass jemand meine Angst bemerkt. Das wäre mir peinlich gewesen. Angst zu zeigen passte nicht zu meinem Selbstbild. Ich habe mich immer noch als Draufgänger gesehen. Nur war ich das nicht mehr.

Ich wollte überhaupt nicht mehr auffallen. In keiner Situation. Ich habe mich klein gemacht, hätte mich oft am liebsten versteckt.

Warum?

Zum einen habe ich damals in allen möglichen Situationen Panikattacken bekommen. Es gab kaum Situationen, in denen keine Panikattacke auftreten konnte. Und wenn man mich von vornherein nicht bemerkt, kann auch niemand meine Angst zur Kenntnis nehmen.

Zum anderen war die Angststörung ein Teil von mir geworden. Irgendwie hat sich dadurch meine Persönlichkeit vorübergehend geändert, wenn man das so sagen kann. Ich war nicht mehr der gleiche. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut. Ich war nicht im Reinen mit mir selbst.

Heute ist das wieder anders. Ich habe lange gezögert, mein Buch „Exfreundin Angst“ zu veröffentlichen. Schließlich ist dieses Buch sehr persönlich. Intime Gedanken und Gefühle werden dort beschrieben. Einmal veröffentlicht, konnte es jeder lesen. Ich konnte nicht kontrollieren, wer meine Geschichte erfährt und wer nicht.

Was gab den Ausschlag, dass ich mich  für die Veröffentlichung entschieden habe?

Stefan

Damals in einer gruppentherapeutischen Sitzung sprach Stefan, ein junger Mann Mitte dreißig über ein besonderes Erlebnis, welches er mit anderen Patienten teilte. Nun waren nur noch wenige der anderen dabei. Das fand Stefan sehr schade.

„Ich möchte doch …, da dieses so große Gefühl …, und manchmal, wenn ich jemanden sehe, der mit mir dabei war …“, stammelte er. Es fiel ihm sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. „Ich hoffe, ihr habt mich verstanden. Vielleicht geht es dem einen oder anderen auch so.“

Nachdem einige der Teilnehmer sich zu Wort gemeldet hatten, merkte man Stefan an, dass er mit den Ausführungen der anderen nicht vollends zufrieden war. Ich meinte, ihn verstanden zu haben, haderte jedoch einige Augenblicke damit, ob ich das auch zu erkennen geben sollte, war hier doch meine sensible Seite gefragt.

Nach anfänglichem Zögern meldete ich mich zu Wort: „Mir scheint, als hättest du eine so großartige Erfahrung gemacht, die dich wirkliches Glück hat spüren lassen. Mit jedem Tag wird nun aber der zeitliche Abstand zu diesem Gefühl größer, was du unter anderem daran merkst, dass immer mehr Patienten, mit denen du diese Erfahrung hast teilen dürfen, die Klinik verlassen. Nun versuchst du, dieses Gefühl von Glück irgendwie festzuhalten, willst es nicht verlieren.

Glück ist meiner Ansicht nach allerdings etwas, das leider kein andauernder Zustand sein kann. Wäre es so, so wäre es nichts Besonderes, kein Glück mehr, sondern normal. Wir müssen uns klar machen, dass wohl niemand dauernd glücklich ist. Leider scheint eben das den meisten Menschen nicht bewusst zu sein. 

Dieses Gefühl des Glücks, das du erlebt hast, vermisst du, möchtest es greifen und behalten, doch gelingt es dir nicht, und das ist nicht einfach. Versuche einfach, zu genießen, dass du in diesem Moment glücklich warst. Außerdem zeigt es dir, dass du es immer wieder einmal sein kannst, nur eben nicht andauernd.“

Stefan wirkte gelöst und sichtlich berührt, hatte sogar Tränen in den Augen.

„Vielen Dank für deine Worte. Du hast genau verstanden, was ich meine. Dieser Beitrag war sehr wertvoll für mich. Danke.“

Das gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben, auch wenn das bedeutete, meine Maske fallen zu lassen, war (mit-) ausschlaggebend für die Veröffentlichung von „Exfreundin Angst“.

Und ich erkannte, dass es keine Rolle spielt, was andere über mich denken. Die Zeit der Angststörung ist ein Teil meines Lebens. Meine Gedanken und Gefühle gehören zu mir. Das bin ich.

Heute ist es mir total egal, was andere über mich denken. Ich versuche mein bestes zu geben und den Leuten zu helfen. Auch wenn das heisst, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, was bedeutet, dass man auch kritisiert wird. Und konstruktive Kritik ist immer willkommen. Nur so kann man besser werden.

Vor allem aber bekomme ich deutlich mehr Danksagungen und das bestärkt mich darin, dass es die richtige Entscheidung war, mich der Öffentlichkeit ungeschminkt zu präsentieren. Es kommt vor, dass ich in der Stadt angesprochen werde. Immerhin haben mehr als 1 Million Menschen meinen Blog besucht, mein Buch gelesen oder Videos von mir gesehen.

Zeige der Welt, wer Du bist…

Ich möchte Dir damit eigentlich nur sagen, dass es sich lohnt, Deinem Umfeld zu zeigen, wer Du bist. Und wenn die Angststörung im Moment zu Dir gehört, dann ist das erst einmal so (was nicht heißt, dass das so bleiben sollte). Aber für den Augenblick ist das so.

Das macht Dich nicht weniger liebenswert und ganz sicher zu keinem schlechteren Menschen. Sooo viele Leute haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Allein in Deutschland sind es Millionen.

Und wir alle tun fleißig so, als ob alles in Ordnung wäre. Dabei machen wir uns das Leben damit nur selbst schwer. Falle ruhig auf. Steh zu Dir und Deinen Gefühlen. Das ist insgesamt ein guter Rat, um eine Angststörung zu überwinden.


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  • Die meisten Leute können einen nicht verstehen und daher ziehe ich es vor, dass man nicht sieht was mit mir los ist. Aber du hast schon recht: Eigentlich sollte es mich nicht kümmern was die anderen denken. Kann ja auch nichts dafür.

  • Ich habe, wenn ich so zurückdenke, das Gefühl von Peinlichkeit wegen meiner Panikattacken noch nie richtig empfunden. Ich bin immer offen damit umgegangen, vielleicht auch, um mich dahinter zu „verstecken“, um für mein Verhalten eine akzeptable Erklärung zu haben.
    In meinem Umfeld nehmen diese Attacken immer mehr zu. Der eine kann es einfach wegstecken, der andere versteht die Welt nicht mehr. Auch habe ich bisher das „Glück“ gehabt, immer verständnisvolle Menschen um mich herum zu haben. Natürlich gab und gibt es viele Menschen, die das Gefühl der Attacke nicht nachvollziehen können, aber sie würden sich nicht lustig über mich machen, oder mir Unverständnis entgegenbringen.
    Ich stehe zu meinen Problemen und spreche offen darüber. So weiß jeder, woran er bei mir ist. Was er/sie über mich denkt, ist mir egal. Es ist, wie es ist.

    Diana

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