Toms Geschichte

Wie bereits erwähnt, werde ich manchen Kommentaren einen eigenen Artikel widmen. Vor allem wenn diese eine solche Länge aufweisen, wie der von Thomas, ist er nicht mehr als Kommentar geeignet. Wenn Du Tipps und Ratschläge für Thomas hast, wird er sich sicherlich freuen, wenn Du einen Kommentar unter diesem Artikel hinterlässt.

Hallo,

ich war die vergangenen Wochen in der PSY aufgrund einer Bipolar Disorder und wurde auf das Medikament Seroquel eingestellt. Als der benötigte Spiegel erreicht wurde, und meine Intensiven Empfindungen nachliesen, glaubte ich dieses Medikament sei die Lösung meiner Probleme….

In der 2. Woche als ich einige Tage bereits auf der Dosis von 300mg täglich angekommen war, kam ich kaum noch aus dem Bett und hätte den ganzen Tag schlafen können… Da wurde mir klar, dass ich meinen Alltag mit Seroquel nicht bewältigen kann.

Ich sprach die Ärzte bei der nächsten Visite darauf an, worauf am folgenden Abend vor dem Schlafen gehen, die Dosis auf 200mg reduziert wurde.  In dieser Nacht noch folgten bereits extreme Schweiss Ausbrüche und Schüttelfrost. Dachte zuerst ich hätte mir einen Grippe Virus eingefangen und hatte es zu Beginn gar nicht mit der Reduzierung der Dosis in Verbindung gebracht.

Tagsüber hatte ich bereits einen Ausgang bis 21 Uhr, und verbrachte diese Zeit in meiner Wohnung..  Am folgenden Abend wurde mein Zustand so extrem dass ich nicht wieder in die PSY zurück gekehrt bin und somit die Einnahme von Seroquel abrupt beendet hatte.

Die darauf folgenden Tage waren so extrem, dass ich meine Wohnung 2 Tage nicht verlassen konnte, ohne mich im Treppenhaus sofort übergeben zu müssen. Als ich mein altes Sensibles Wahrnehmungsvermögen nach den Schweissausbrüchen wieder verspürte, wurde mir einiges über meine Situation klar, worauf Ich später noch genauer eingehe.

Zuerst möchte ich aber ein Gesamtbild meiner Laufbahn gewähren und hierzu zu meinen 13. Lebensjahr vorspulen, wo alles begann.

Während meiner Jugend hatte ich viele Jahre mit Panikattacken und mit extremer Angst vor der Angst zu kämpfen.  Es fing an als ich zirka 13 Jahre Alt war, und zog sich bis zu meinem 19. Lebensjahr hin.. Diese ganzen Jahre hatte meine Angst davor, Angst zu bekommen, meinen Alltag bestimmt…

Ich kann mich noch genau an den Verlauf erinnern, als dieses intensive Gefühl ohne jeglichen Grund zum ersten mal auftrat, und dessen Intensivität mich in einen Schock Zustand versetzte…Damals empfand ich die Intensivität meiner gesteigerten Wahrnehmung, als Signal das ich mich in Gefahr befinden würde, egal ob ich im Moment des auftretens gerade bei mir im Schlafzimmer lag und ferngesehen habe, oder mich im klassenzimmer  mit 30 weiteren schüler meines alters befand.

Durch die unbegründete Intensivität und das plötzliche Auftreten dieser Empfindung, hab ich dieses Gefühl irgendwie automatisch mit Sterben und Tod verknüpft…Jahrelang konnte ich mit niemanden darüber sprechen…  Ich hatte versucht mit meiner Mutter darüber zu sprechen, aber bekam dabei das Gefühl, Ihr damit zur Last zu fallen und damit nur eine weitere Entäuschung in ihr auszulösen.

Meine Mutter hatte damals eh schon zu genüge Probleme zu bewältigen, die sich ohnehin schon zum größten Teil schon auf meinen Bruder und mich aufbauten…Zuerst durch häusliche Gewalt unseren leiblichen Vaters, und einige Jahre später hat uns unser Stiefvater mit der Begründung seine eigene Kinder zu wollen, und nicht die eines anderen Mannes erziehen zu müssen, verlassen…

Am letzten Tag zog er 2x 50 Dollar aus seiner Geldbörse, zerkrümpfelte sie und bewarf meinen Bruder und mich damit, mit der Anmerkung wir sollten uns irgendwas davon kaufen und ihn in Ruhe lassen..Ich war damals 10 und habe die 50 Dollar aufgehoben und eingesteckt, und dabei bemerkte ich zum ersten mal diesen enttäuschten Gesichtsausdruck meiner Mutter, die mir dabei zusah.  Mir wurde damals die Belastung sofort klar, die mein Bruder und ich für sie darstellten..  Genau deswegen konnte  ich erst recht nicht meine Mutter mit noch mehr Sorgen und Kummer belasten.

Nach und nach wurden diese Panikattacken extremer und häufiger… In der schlimmsten Phase  betrugen die Intervalle zwischen den Attacken nur noch wenige Stunden und  musste jeden Tag mehrfach durch die Hölle gehen…  Als ich 19 war, gab ich dann meine letzte innerliche Hoffnung auf und habe mich darauf eingestellt,  mein restliches Leben durch dieses Gefühl begleitet zu werden..

Ich hatte mich damit abgefunden gehabt, ein Leben lang darunter leiden zu müssen, doch dadurch verschwanden sie einfach… Ich hatte Jahre gekämpft und immer versucht, die Hoffnung nicht aufzugeben das ich es überstehe…

Als ich mit 19 den Kampf dagegen endlich doch aufgegeben hatte, sah ich es als die  Niederlage im Versuch in mein normales Leben zurück zu kehren.  Doch das stellte sich unerwartet als die Lösung dieses Problems heraus und die panische Angst Attacke sowie auch meine weiteren komplexen Multi-Ängste  (die Angst vor der Ängst).

Wie hätte ich bitte jemals wissen können dass sich dieses Problem durch das Aufgeben von selbst löst…

Wer solche Panikattacken hat und kennt, weiss auch wieviel Energie sie einem kosten…  Ich war damals zwischen diesen Attacken total niedergeschlagen und auch gedanklich immer wo anders… Diese depressiven Phasen sind damals leider nicht mit der Angst zusammen wieder verschwunden und haben sich über die Jahre eher verschlimmert….

Als der Seroquel Spiegel sank, verspürte ich eine Art Dejavue zum Gefühl das meine erste Panikattacke ausgelöst hatte. Heute bin ich überzeugt diese plötzliche Umstellung meiner Emotionen damals, war eine Art unterbewusstes tuning meiner Sinne zur gesteigerten Wahrnehmung meiner Umwelt…  Ich bin dazu in der Lage mich in andere Perspektiven zu versetzen, und bestimmte Situationen besser einzuschätzen um sie zu meistern…

Meine Art und Weise etwas aus mehreren Perspektiven zu sehen und zu überdenken können, hat mir einen enormen Vorteil gegenüber Menschen mit normalen Ansichten verschafft, gerade im berufichen Erfolg..

Als die Wirkung dieses Nervengifts “Seroquel” nachließ, spürte ich aufeinmal wie eine art elektrischer Spannung auf meinem Nervensystem anstieg… Ich erkannte dieses Gefühl sofort wieder, und mir wurde zum ersten mal klar was sich wirklich damals in meinem Körper abgespielt hat…

In Wirklichkeit handelt es sich aber nicht um eine Erkrankung, sondern eher um eine Art Fähigkeit eines Sensibilisierten Wahrnehmungsvermögens. Leider gibt es dazu kein Handbuch was diesen Vorgang umfangreich beschreibt, um der pötzlich veränderten eigenen Wahrnehmung nicht aufgrund von fehlendem Wissens, als Gefahr aufzufassen und sich unnötig damit zu quälen.

LG Tom!

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2 Kommentare

  1. Mothersforpeace sagt:

    Hallo, diese Beschreibung deckt sich mit den analytischen und psychotherapeutischen Beschreibungen von Dr. Eugen Drewermann. Er hat einige Bücher verfasst, die explizit diese Biografien mit Entwicklung bzw. Ausbildung sensibler Fähigkeiten beschreiben. Hilfreich, weil sehr bildhaft, ist das in den analytischen Märcheninterpretationen dargelegt. Damit lassen sich völlig neue positive Perspektiven und Stärken herausmodellieren, die eine Versöhnung und Heilung des auch erlebten Leid ermöglichen. Und das mit einem tiefen Verstehen, was weit über Sprichwörter wie z.B. Wwo Licht auch Schatten hinausgeht. Aus einer betrauerten Biografie oder unglücklich erlebten Jugendzeit geht nämlich nicht selten die Heldengeschichte hervor. Was sage ich selten, es ist quasi eine Bedingung für das Auffinden von Schätzen. Die Prüfungs-und Bewährungsphasen von Helden zeichnen sich durch genau diese Angsterlebnisse aus, skizziert als Wald, als Hexen, als Wolf, Drachen und Naturgewalten und begründen sich oftmals in kindlichen Ablehnungs- oder Ballastempfindungens-Erlebnissen mit den damit verbundenen existentiell empfundenen Angst-und Todesangstgefühlen. Wer damit etwas anfangen kann, dem möge auch das Video von Janusz Korzcak “und die Steine weinten” interessieren. Ganz besonders aber die Analytische Interpretation Drewermanns von Hänsel und Gretel und auch Die Sieben Geißlein. Als Buch oder in der Mediathek von Radio Bremen. Alles wird gut.

  2. admin sagt:

    Hallo Tom,

    vielen Dank für Deine Geschichte und Deine durchaus interessante Theorie.
    Ich hoffe, dass ich Dich richtig verstanden habe.

    Zu der bipolaren Störung oder manisch-depressiven Erkrankung kann ich Dir leider nichts sagen. Damit kenne ich mich nicht aus. Auch das Medikament sagt mir nichts. Ich habe jedoch mal nachgeschaut, welche Nebenwirkungen dabei auftreten können.
    Deine Symptome sind vermutlich auf die Einnahme dieses Medikaments zurückzuführen, wie Du ja auch selbst beschreibst.

    Das, was Du bezüglich der früheren Panikattacken schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Es ist einfach eine extreme Belastung, die alle Energie raubt.
    Es ist nicht verwunderlich, dass man bei Panikattacken an den Tod denkt. Es ist oftmals der Fall, dass man Angst hat, tot umzufallen, vor allem zu Beginn der Panikattacken.

    Interessant finde ich, dass die Panikattacken aufhörten, als Du bereits aufgegeben hattest. Ich muss noch einmal den Spruch bemühen: Was man bekämpft, wird man nicht los. Du hast zu diesem Zeitpunkt akzeptiert, dass Du Panikattacken hast, hast diese angenommen.

    Das ist unheimlich produktiv, aber leider extrem schwierig zu erreichen. Dass die Panikattacken damit aufhörten, ist deshalb gar nicht so verwunderlich.

    Das, was Du hinsichtlich des sensibilisierten Wahrnehmungsvermögens beschreibst, möchte ich mal versuchen zu analysieren, auch wenn es aufgrund eines Kommentars und aus der Distanz heraus nicht so einfach ist. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass meine Theorie keinesfalls stimmen muss. (Das gilt übrigens für alles, was ich hier schreibe). Nimm es einfach als Anreiz.

    Du scheinst auf verschiedene äußere Reize einfach übersensibel zu reagieren. Das kenne ich von mir selbst auch sehr gut. Jede Veränderung, egal ob akustisch, visuell oder sonst wie, wird wahrgenommen und erst einmal als beängstigend eingestuft.

    Es ist sicherlich richtig, dass eine äußerst sensible Seite dafür notwendig ist. Hier sieht man oftmals nur Nachteile. Schließlich ist auch diese Sensibilität dafür verantwortlich, dass man für Panikattacken & Co. Empfänglich ist.
    Allerdings bietet das natürlich auch Vorteile: So ist man zum Beispiel in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, diese zu verstehen und entsprechend feinfühlig mit ihnen umzugehen.

    Ob die Fähigkeit für das Betrachten eines bestimmten Sachverhalts aus verschiedenen Perspektiven etwas damit zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen überproportional intelligent sind. Vielleicht hat auch Dein Gehirn eine Eigenart, die Dir dies ermöglicht, gleichzeitig aber auch empfänglich für psychische Erkrankungen macht. Das wäre durchaus vorstellbar, aber ist auch nur ein Erklärungsversuch.

    Dieses sensibilisierte Wahrnehmungsvermögen, das Du beschreibst, kann ich bestätigen. Das ist auch bei mir der Fall. Allerdings ist das krankhafte nicht das Fühlen an sich, sondern die Bewertung, die Interpretation dieser Wahrnehmungen als etwas Gefährliches.
    Wenn man es schafft, diese Reize gelassen hinzunehmen und nicht als gefährlich zu interpretieren, könnte das eine hervorragende Möglichkeit sein, um die Angst loszuwerden.

    Angst und Sensibilität bedingen sich vermutlich gegenseitig. Eine hohe Sensibilität macht Angst, Angst lässt einen sensibler werden. Wenn man darauf nicht mehr mit Angst reagiert…ist das ein Weg aus den Panikattacken.

    Ich hoffe, ich habe Dich verstanden und konnte Dir den einen oder anderen Denkanreiz geben.

    Viele Grüße.

    Sebastian

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